16.06.2026 Von Einbahnstraßen, E-Scootern und dem inneren Verkehrspolizisten

Es gibt diese Momente am Morgen, da fährt man noch halb im Gedankenmodus durch die Stadt, der Kaffee wirkt noch nicht vollständig, die Frisur sitzt eher demokratisch verteilt auf dem Kopf und plötzlich rauscht er vorbei: der Radfahrer des Grauens. Natürlich nicht irgendein Radfahrer. Nein. Es ist die Sorte Mensch auf zwei Rädern, die offensichtlich irgendwann beschlossen hat, dass Verkehrsregeln eher so etwas wie Menüvorschläge sind. Einbahnstraße? Klingt nach einer Einladung zur Gegenrichtung. Fußgängerzone? Ein Parcours. Fahrtrichtung? Eine philosophische Frage. Geschwindigkeit? Ach bitte, wer bremst, hat doch innerlich schon verloren. Und dann kommen sie dazu: die E-Scooter-Piloten unserer Zeit. Mal elegant allein unterwegs, mal als rollende Familienpackung. Zwei Personen auf einem Roller? Warum nicht. Einkaufstaschen am Lenker? Selbstverständlich. Getränkekiste auf der Trittfläche? Man will ja schließlich nachhaltig transportieren. Der E-Scooter ist heute offenbar wahlweise Taxi, Lastwagen, Abenteuergerät und Beweis dafür, dass der menschliche Gleichgewichtssinn deutlich mehr Optimismus besitzt als Verstand. Jeden Morgen begegne ich ihnen. Jungen Menschen, älteren Menschen, sportlichen Menschen, wackeligen Menschen. Einige mit Helm, viele ohne. Manche mit einem Gesichtsausdruck, als hätten sie gerade die Freiheit erfunden. Andere mit dem Blick eines Paketboten auf Koffein, kurz vor dem Endgegner: der roten Ampel. Und ich? Ich sitze im Auto. Also in diesem altmodischen Fortbewegungsmittel, das immer noch an so lästige Dinge gebunden ist wie Anschnallpflicht, Fahrtrichtung, Bremsweg und Schuldfrage. Manchmal merke ich, wie in mir eine kleine Verkehrserzieherin erwacht. Sie trägt eine Warnweste, hat eine Trillerpfeife im Mund und möchte am liebsten die Fensterscheibe herunterkurbeln, um eine moralische Ansprache von alttestamentarischer Länge zu halten. Etwa so:„Junger Mann! Diese Einbahnstraße ist keine Empfehlung des Hauses!“ Oder: „Madame, ein E-Scooter ist kein Linienbus mit Panoramablick!“ In besonders dunklen Momenten meiner inneren Straßenverkehrspädagogik tauchen sogar kleine Fantasien auf, in denen ich mit einer leicht aufkeimenden möderischen Ambition eine Verfolgungsjagd aufnehme, natürlich nur im Schritttempo, mit Blinker und unter Beachtung sämtlicher Vorschriften. Man hat ja Prinzipien. Aber dann kommt sofort die andere Stimme in mir. Die Großmütige. Die Milde. Die Stimme, die sagt: „Ach Jutta, jetzt sei doch nicht so. Willst du wirklich zu den Meckerern gehören? Zu denen, die morgens schon mit zusammengekniffenen Lippen durch die Stadt fahren und innerlich Bußgeldbescheide verteilen?“ Und ja, diese Stimme hat ihre Berechtigung. Wir leben in einer Welt, in der ständig irgendetwas geregelt, verboten, beschildert, markiert, beantragt oder mit einem Formular in dreifacher Ausführung versehen wird. Vielleicht ist es da menschlich, wenn manche auf zwei Rädern plötzlich denken: „Heute bin ich wild. Heute fahre ich drei Meter gegen die Richtung.“ Ein bisschen Freiheit im Alltag. Ein bisschen Wind im Haar. Ein bisschen ziviler Ungehorsam zwischen Bäckerei und Bushaltestelle. Klingt fast romantisch. Wäre da nicht dieses kleine, unglamouröse Detail namens Sicherheit. Denn die Sache ist: Im Straßenverkehr sind wir nicht allein mit unserer Freiheit unterwegs. Wir teilen uns Wege, Straßen, Übergänge und Reaktionszeiten. Mit Kindern. Mit älteren Menschen. Mit Menschen, die nicht schnell ausweichen können. Mit Autofahrerinnen, die zwar bremsen, aber nicht zaubern können. Mit Fußgängern, die in einer Fußgängerzone eigentlich nicht damit rechnen möchten, von einem elektrischen Kleinstfahrzeug touchiert zu werden, das mit der Würde eines Mini-ICEs durch die Gasse rauscht. Und genau da wird es schwierig. Denn ist es noch charmantes Aus-der-Reihe-Tanzen, wenn andere plötzlich mittanzen müssen, obwohl sie gar nicht gefragt wurden? Ist es noch lässige Alltagsfreiheit, wenn sie auf Kosten der Sicherheit anderer geht? Oder ist es dann schlicht Egoismus mit Lenker ohne Sex-Appeal? Vielleicht liegt die Wahrheit wie so oft irgendwo zwischen Meckertante und Moralverfall. Nicht jeder Radfahrer ist ein Regelrebell. Nicht jeder E-Scooter-Fahrer ist ein rollendes Sicherheitsrisiko. Und ja, auch Autofahrerinnen haben nicht automatisch den Heiligenschein der Straßenverkehrsordnung auf dem Haupt. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Hupen werfen. Aber trotzdem: Rücksicht ist keine spießige Erfindung aus dem Amtsblatt. Rücksicht ist der kleine soziale Klebstoff, der verhindert, dass unser Alltag auseinanderfällt wie ein schlecht beladener E-Scooter in der Kurve. Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Regeln. Vielleicht brauchen wir einfach wieder mehr Bewusstsein dafür, dass öffentliche Wege keine privaten Laufstege sind. Dass Freiheit schöner wird, wenn sie niemanden erschreckt. Und dass ein Helm auf dem Kopf nicht nur die Frisur ruiniert, sondern im Zweifel auch die eigene Gesundheit rettet. Also werde ich morgen früh wieder durch die Stadt fahren. Ich werde Radfahrer sehen. E-Scooter sehen. Vielleicht auch wieder jemanden, der eine Einbahnstraße als persönliche Herausforderung versteht. Und vermutlich werde ich innerlich wieder kurz die Scheibe runterkurbeln. Aber vielleicht sage ich dann nur leise zu mir selbst: „Atme, Jutta. Atme. Nicht jeder Regelbruch braucht eine Kolumne.“ Obwohl… Manchmal eben doch.

 

 

12.06.2026 Zwischen Feldherrenhügel und Nervenzusammenbruch

Warum steht da eigentlich jemand vorne?

 

Eine Kolumne über Führungspositionen, Verantwortung und das kleine bisschen Glanz, das man braucht, wenn alle anderen noch im Textbuch wohnen.

 

 Neulich stand ich wieder im Probenraum. Vor mir eine Gruppe wunderbarer Menschen, hinter mir vermutlich mein eigener innerer Kritiker, und irgendwo dazwischen ein Textbuch, das von einigen noch immer behandelt wurde wie eine Mischung aus Rettungsring, Kuscheldecke und persönlicher Lebensversicherung.

 Es war einer dieser Abende, an denen man merkt: Eine Theaterprobe ist selten nur eine Theaterprobe. Sie ist auch ein kleines Versuchslabor für das Leben. Menschen suchen Sicherheit. Andere suchen ihren Einsatz. Wieder andere suchen verzweifelt die Seite, auf der sie eigentlich auftreten müssten. Und mittendrin steht jemand und versucht, aus all dem nicht nur Ordnung, sondern im besten Fall Kunst zu machen.

 Und während ich innerlich zwischen Regieblick, Gruppengefühl und dem dringenden Wunsch nach einem sehr großen Kaffee pendelte, stellte sich mir plötzlich eine Frage, die größer war als jede Szene: Was bedeutet es eigentlich, eine Führungsposition einzunehmen? Ist das der Moment, in dem man innerlich eine kleine Krone aufsetzt und denkt: Endlich hören mal alle auf mich? Oder ist es eher der Moment, in dem man merkt: Wenn ich jetzt nicht den Rahmen halte, verwandelt sich diese Szene gleich in ein sehr engagiertes, aber leicht verwirrtes Suchspiel mit Kostümteilen? Das Wort Führungsposition klingt ja erst einmal nach Büroflur, Kaffeeküche und Menschen, die in Meetings Sätze sagen wie: “Das müssen wir ersteinmal ändern.“ Es klingt nach Verantwortung, aber auch ein bisschen nach Macht. Nach Entscheidung. Nach vorne stehen. Nach Ansagen machen. Nach diesem einen Platz im Raum, an dem man plötzlich nicht mehr nur mitmacht, sondern gesehen wird. Und genau da wird es interessant. Denn natürlich gibt es Menschen, die Führungspositionen lieben, weil sie gern den Ton angeben. Sie betreten einen Raum und man hat sofort das Gefühl, irgendwo müsste ein Gong schlagen. Sie sprechen nicht, sie verkünden. Sie hören nicht zu, sie warten nur auf die nächste Gelegenheit, wieder selbst zu reden. Für sie ist Führung eine Bühne, auf der möglichst nur ein Scheinwerfer brennt und zwar ihrer.

 

Aber ist das wirklich Führung? Ich glaube: Nein. Das ist höchstens Ego mit Namensschild. Und manchmal trägt es dazu noch ein sehr überzeugtes Lächeln. Echte Führung beginnt für mich nicht mit dem Wunsch, über anderen zu stehen. Sie beginnt mit der Bereitschaft, Verantwortung für etwas zu übernehmen, das größer ist als die eigene Bequemlichkeit. Eine Führungsposition heißt nicht nur: Ich darf entscheiden. Sie heißt auch: Ich muss hinsehen. Ich muss merken, wenn jemand unsicher wird. Ich muss spüren, wenn eine Gruppe ausweicht. Ich muss erkennen, wann Freundlichkeit nicht mehr hilft, weil Klarheit gebraucht wird. Ich muss aushalten, dass nicht jede Entscheidung sofort Applaus bekommt. Und ich muss manchmal genau dann ruhig bleiben, wenn mein inneres Ich schon längst mit wehender Fahne Richtung Schokoladenschublade flüchten möchte.

 

Im Theater wird das besonders sichtbar. Regie bedeutet nicht, vorne zu stehen und dekorativ mit einem Bleistift zu wedeln. Regie bedeutet, einen Raum zu halten. Einen Raum, in dem Menschen sich ausprobieren dürfen. Einen Raum, in dem Fehler nicht peinlich sind, sondern eine sinvolle Arbeitsbasis. Einen Raum, in dem aus Unsicherheit Spiel werden kann. Aber dieser Raum entsteht nicht von allein. Er braucht jemanden, der ihn schützt. Jemanden, der sagt: „Probiere es aus.“ Jemanden, der sagt: „Trau dich.“ Jemanden, der sagt: „Nein, das reicht noch nicht.“ Und manchmal auch jemanden, der sagt: „Das Textbuch hat heute frei.“ Das klingt vielleicht streng. Ist es aber nicht unbedingt. Es ist eher liebevolle Zumutung. Und wer schon einmal versucht hat, Menschen aus ihrer Komfortzone zu locken, weiß: Das ist ungefähr so einfach, wie einer Katze zu erklären, dass der Transportkorb eigentlich nur eine Chance zur persönlichen Weiterentwicklung ist.

  

Eine Führungsposition ist deshalb nicht immer glamourös. Sie sieht von außen vielleicht nach Einfluss aus, fühlt sich von innen aber oft nach Verantwortung mit schweißnassen Haaren an. Man steht da, denkt über Timing, Stimmung, Konflikte, Unsicherheiten und Zielrichtung nach und während andere fragen: „Was machen wir jetzt?“, fragt man sich selbst: Wie bekomme ich alle mit, ohne jemanden zu überfahren? Das ist die eigentliche Kunst.

  

Nicht vorne stehen. Sondern vorne stehen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Nicht lauter sein. Sondern klarer.

Nicht alles besser wissen. Sondern den Blick für das Ganze behalten.

 

 Vielleicht erkennt man gute Führung genau daran: Sie macht andere nicht kleiner, sondern größer. Sie sammelt keine Bewunderung ein wie Rabattmarken. Sie freut sich, wenn andere sicherer werden, mutiger, freier, lebendiger. Gute Führung hat kein Problem damit, wenn jemand anderes glänzt. Im Gegenteil: Sie hat genau darauf hingearbeitet. Schlechte Führung dagegen wird unruhig, wenn andere stark werden. Gute Führung lässt aufatmen. Und vielleicht ist das der schönste Unterschied. Wer nur den Ton angeben möchte, braucht Unterordnung. Wer wirklich führt, ermöglicht Entwicklung.  

 Natürlich muss Führung auch entscheiden. Eine Führungsposition ohne Entscheidungskraft ist wie ein Regenschirm aus Spitze: hübsch, aber bei schlechten Wetter wenig hilfreich. Irgendwann muss jemand sagen, wo es langgeht. Nicht, weil alle anderen unfähig wären. Sondern weil ein gemeinsames Ziel eine Richtung braucht. Und ja, dabei macht man sich angreifbar. Wer führt, wird gesehen. Wer gesehen wird, wird bewertet. Wer entscheidet, kann falsch liegen. Das gehört dazu. Führung ist kein Wellnessprogramm für das eigene Selbstbild. Führung ist eher ein sehr ehrliches Spiegelkabinett mit schlechter Beleuchtung.

 

Vielleicht übernehmen manche Menschen eine Führungsposition nicht, weil sie Macht wollen, sondern weil sie eine Lücke sehen. Weil sie merken: Hier braucht es jemanden, der sortiert. Der verbindet. Der übersetzt. Der den ersten Schritt macht, obwohl die anderen noch überlegen, ob sie überhaupt passende Schuhe dafür tragen. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum Führung manchmal so missverstanden wird. Von außen sieht man die Ansage. Von innen spürt man die Verantwortung. Von außen sieht man: Sie entscheidet. Von innen fühlt es sich an wie: Ich hoffe, ich entscheide gerecht. Von außen sieht man: Sie steht vorne. Von innen fragt man sich: Stehe ich hier eigentlich richtig? Das ist nicht Schwäche. Das ist Bewusstsein. Denn wer nie zweifelt, führt selten gut. Zweifel können lästig sein, ja. Aber sie halten uns menschlich. Sie verhindern, dass aus Klarheit Härte wird und aus Verantwortung Selbstherrlichkeit. Vielleicht braucht eine gute Führungsposition genau diese Mischung: ein klares Ziel, ein offenes Ohr, einen stabilen inneren Kompass und gelegentlich die Fähigkeit, sehr charmant zu sagen: Nein, Schätzelein, so machen wir das nicht. Nicht jede Führungsposition braucht Glanz. Aber sie braucht Haltung. Und manchmal entsteht der Glanz erst dadurch, dass andere in ihrem eigenen Licht stehen dürfen.

  

Während ich also im Probenraum stand, zwischen Textbüchern, Blicken, Zweifeln, Spielfreude und dem leisen Drama eines viel zu spät gefundenen Einsatzes, dachte ich: Vielleicht ist Führung gar nicht die Kunst, vorne zu stehen. Vielleicht ist Führung die Kunst, vorne genug Halt zu geben, damit andere sich nach vorne trauen. Und wenn das gelingt, dann ist eine Führungsposition kein Podest. Dann ist sie ein Geländer mit guter Haltung! Nicht besonders bequem. Nicht immer dankbar. Aber manchmal genau das, woran sich eine Gruppe festhalten kann, bis sie merkt, dass sie längst selbst laufen kann.

 

 

Wenn mein Kulturherz Rückenwind braucht

Manchmal stellt man sich eine Stadt wie eine Person vor. Ich zumindest tue das. Rotenburg ist für mich wie eine alte Dame mit Geschichte in den Augen, einem wunderschönen Kleid im Schrank und der leisen Neigung, lieber sitzen zu bleiben, wenn irgendwo Musik spielt. Nicht, weil sie nicht tanzen könnte. Sondern vielleicht, weil ihr zu lange niemand mehr gesagt hat: „Komm, probiere es doch noch einmal. Du hast doch noch so viel Leben in dir.“ Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Kultur mache. Ich möchte diese alte Dame Rotenburg nicht verändern, indem ich ihr ein neues Gesicht male. Ich möchte sie erinnern. An ihren Charme. An ihre Geschichten. An ihren Witz. An ihre Menschen. An diese besondere Mischung aus Vergangenheit, Eigensinn und dem kleinen Funkeln, das immer dann entsteht, wenn jemand mit Herzblut sagt: „Da geht doch noch was.“

 Meine Theaterstücke entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie entstehen aus Rotenburg heraus. Aus seinen Sagen, seinen Straßen, seinen alten Mauern, seinen schrägen Geschichten und seinem manchmal etwas verschlafenen Selbstbewusstsein. 

Vielleicht ist das mein persönlicher Versuch, mich mit dieser Stadt zu verbinden. Und vielleicht war genau deshalb die Nachricht, dass unsere Probenstätte nun offenbar verkauft werden soll, so ein Stich ins Herz. Nicht, weil wir nicht wüssten, dass Gebäude verwaltet, bewertet, genutzt oder veräußert werden. Natürlich. Papier kann das alles wunderbar erklären. Immobilien haben Zahlen. Beschlüsse haben Aktenzeichen. Und irgendwo findet sich bestimmt auch ein Satz, der nach sorgfältiger Abwägung klingt. Nur leider proben Menschen nicht in Aktenzeichen. Sie proben in Räumen. In vertrauten Ecken. Zwischen Stühlen, Requisiten, Textblättern, Lampenfieber, Gelächter und diesem wunderbaren Durcheinander, aus dem irgendwann eine Szene entsteht. Und Bürgerkultur braucht genau solche Orte. Nicht als Luxus. Nicht als dekoratives Extra für den Veranstaltungskalender. Sondern als Nährboden.

 Denn natürlich kann man sagen: In unserer Stadt wird doch viel angeboten. Es gibt Veranstaltungen, Termine, Programme, Märkte, Musik, Begegnungen. Und das stimmt. Das sollte man auch nicht kleinreden. Aber manchmal frage ich mich: Ist ein voller Kalender schon eine lebendige Kulturseele? Oder entsteht echte kulturelle Identifikation erst dort, wo Menschen nicht nur etwas besuchen, sondern selbst etwas gestalten? Wo sie nicht nur Zuschauer sind, sondern Teil einer Geschichte werden? Wo aus „da findet etwas statt“ plötzlich ein „das hat mit uns zu tun“ wird? 

Vielleicht ist genau das der Unterschied. Eine Stadt wird nicht automatisch lebendig, weil viele Veranstaltungen stattfinden. Eine Stadt wird lebendig, wenn ihre Menschen Lust bekommen, sie mitzugestalten.

 Und ja, vielleicht ist das manchmal unbequemer als ein sauber gedrucktes Programmheft. Bürgerkultur ist nicht immer ordentlich. Sie braucht Platz, Zeit, Geduld, Schlüssel, Kompromisse und gelegentlich auch Menschen, die nach einer Probe vergessen, den letzten Stuhl richtig herum hinzustellen. Aber sie schafft etwas, das man nicht einfach buchen kann: Zugehörigkeit.

 Ich gebe zu, in den letzten Tagen habe ich mich gefragt, ob ich an der falschen Tür geklopft habe. Vielleicht habe ich mir zu sehr gewünscht, dass Wertschätzung dort sichtbar wird, wo Entscheidungen getroffen werden. In Ausschüssen, Zuständigkeiten, Gesprächen, Gebäudefragen. Vielleicht habe ich gehofft, dass man dort spürt, was es bedeutet, wenn Bürgerinnen und Bürger ihre Stadt nicht nur kritisieren, sondern ihr Geschichten schenken. Aber vielleicht antwortet eine Stadt nicht immer durch ihre offiziellen Türen. Vielleicht antwortet sie manchmal ganz woanders.

In einer Nachricht von jemandem, der schreibt: „Wir freuen uns schon auf euer neues Stück.“ In einem Kommentar unter einem social media Beitrag. In Menschen, die unsere Probenwege verfolgen. In Zuschauerinnen und Zuschauern, die nach einer Aufführung noch bleiben, weil sie berührt sind. In Darstellerinnen und Darstellern, die ihre Freizeit, ihren Mut und ihre Energie in ein gemeinsames Projekt legen. In allen, die nicht nur sagen: „Die machen Theater“, sondern irgendwann fühlen: „Das ist auch unser Theater.“

Vielleicht habe ich in meiner Enttäuschung kurz vergessen, dass Rotenburg längst antwortet. Nicht immer durch seine Verantwortlichen. Aber durch seine Menschen.

 Und vielleicht ist genau das die wichtigere Antwort. Denn ja, offizielle Unterstützung ist wertvoll. Räume sind wichtig. Förderung ist wichtig. Politische Rückendeckung wäre schön. Man darf das klar sagen, ohne undankbar zu wirken. Kultur braucht nicht nur Applaus, sie braucht auch Bedingungen, unter denen sie entstehen kann.

 Aber mein innerer Kompass muss sich vielleicht neu ausrichten. Nicht die Anerkennung von oben darf der wichtigste Treibstoff sein. Sondern die Resonanz von denen, für die wir das alles machen. Unsere Community ist kein netter Nebenschauplatz. Sie ist unser Rückenwind. Jedes Interesse hilft. Jede Rückmeldung hilft. Jedes Teilen, Weitersagen, Nachfragen, Kommentieren hilft. Jedes „Schön, dass ihr das macht“ kann an einem müden Tag mehr bewirken, als man ahnt. Denn hinter jeder Szene, jedem Kostüm, jedem Beitrag, jeder Probe und jeder neuen Idee stehen Menschen, die nicht bezahlt werden, um kulturelle Stimmung zu erzeugen. Sie tun es, weil sie daran glauben. Weil sie Lust auf Gemeinschaft haben. Weil sie diese Stadt nicht nur verwalten, bewerten oder besuchen wollen, sondern weil sie sie erleben möchten.

 Und vielleicht möchte ich genau das unserer Community heute sagen: Wenn euch unsere Arbeit interessiert, dann zeigt es uns. Nicht aus Pflichtgefühl. Nicht als höfliche Geste. Sondern weil eure Rückmeldung für uns mehr ist als digitale Dekoration. Sie ist Motivation. Sie ist Bestätigung. Sie ist manchmal genau der kleine Schubs, den man braucht, um nach einer Enttäuschung nicht leiser zu werden, sondern weiterzumachen. Denn Kultur entsteht nicht nur auf der Bühne. Sie entsteht auch davor. Im Publikum. In Gesprächen. In Kommentaren. In Begegnungen. In diesem wunderbaren Moment, wenn aus einem Projekt eine gemeinsame Sache wird. 

Vielleicht ist Rotenburg also gar nicht die alte Dame, die nicht tanzen will. Unter Umständen wartet sie nur darauf, dass nicht immer dieselben über die Musik entscheiden. Oder sie braucht Menschen, die aufstehen, ihr die Hand reichen und sagen: „Komm, wir probieren das jetzt einfach.“

Und vielleicht ist genau das der Sinn in dieser City: Nicht darauf zu warten, dass Verbindung von oben organisiert wird. Sondern sie miteinander entstehen zu lassen.

Mit Herz. Mit Mut. Mit Geschichten. Mit Applaus. Mit Rückmeldungen. Mit Menschen, die zeigen: Diese Stadt ist uns nicht egal. Denn am Ende ist eine Stadt nicht nur das, was beschlossen wird. Eine Stadt ist auch das, was ihre Menschen aus ihr machen. Und wenn diese Menschen mitgehen, mitdenken, mitfühlen und mittragen, dann kann aus einer alten Dame doch noch eine Tänzerin werden. Nicht auf jedem Parkett. Nicht nach jedem Taktstock. Aber mit der richtigen Musik und mit genügend Menschen, die an sie glauben.

 

 

 

 

Warum sich eine Stadt nicht automatisch wie Zuhause anfühlt

Manchmal kommen einem die wirklich wichtigen Gedanken nicht am Schreibtisch. Nicht bei Kerzenschein, nicht mit Notizbuch, nicht bei einer Tasse Tee in dramatisch günstiger Fensterposition.  Manchmal kommen sie einfach im Auto.

 Ich fuhr durch Rotenburg, schaute aus dem Fenster und sah all das, was man eben sieht, wenn man glaubt, seine Stadt eigentlich längst zu kennen: Straßen, Häuser, Plätze, Menschen, vertraute Ecken. Und natürlich dieses ganze Angebot, das es ja durchaus gibt. Veranstaltungen, Märkte, Musik, Theater, Vereinsleben, Begegnungen, Kultur. Eigentlich müsste man denken: Meine Güte, hier ist ja richtig was los. Und trotzdem saß ich da, zwischen Lenkrad, Alltag und innerer Bestandsaufnahme, und merkte: Nur weil in einer Stadt etwas stattfindet, findet sie noch lange nicht automatisch in einem selbst statt.

 Ein etwas unbequemer Gedanke. Also genau die Sorte Gedanke, die sich ungefragt auf den Beifahrersitz setzt und nicht mehr aussteigen will. Denn wenn eine Stadt viel anbietet, müsste man sich ihr doch eigentlich verbunden fühlen. Man müsste doch denken: Das ist meine Stadt. Hier bin ich Teil von etwas. Hier gehöre ich hin. Aber genau dieses Gefühl war in diesem Moment nicht einfach da. Es stand nicht winkend am Straßenrand. Es sprang nicht mit Konfetti aus dem nächsten Veranstaltungskalender. Es war eher still. Vielleicht sogar ein bisschen schüchtern. Und dann fragte ich mich: Geht es vielleicht anderen Rotenburgerinnen und Rotenburgern ähnlich?

 Vielleicht erleben viele von uns Rotenburg als Ort, an dem man wohnt, einkauft, arbeitet, Termine erledigt, Pakete abholt, schnell noch etwas besorgt und gelegentlich eine Veranstaltung besucht. Ein Ort, an dem Leben stattfindet. Aber wird daraus automatisch ein Zuhause? Oder ist Zuhause am Ende doch mehr als eine Adresse mit funktionierender Müllabfuhr?

 Wenn ich an mein eigenes Zuhause denke, ist es für mich selbstverständlich, dass ich es gestalte. Ich räume um. Ich dekoriere. Ich stelle Dinge so hin, dass sie mir gefallen. Ich mache es gemütlich. Manchmal kaufe ich sogar Dinge, von denen ich erst später begreife, dass sie eigentlich nur Staubfänger mit emotionalem Auftrag sind. Aber ich tue es, weil es mein Zuhause ist. Niemand muss mich dazu auffordern. Niemand schreibt mir einen Förderantrag für die liebevolle Pflege meines Wohnzimmers. Ich kümmere mich, weil dieser Ort etwas mit mir zu tun hat. 

 

Mein Zuhause wird nicht schön, weil dort viel passiert. Es wird schön, weil ich ihm Aufmerksamkeit schenke. Weil ich etwas von mir hineinlege. Weil ich es nicht nur benutze, sondern bewohne. Und plötzlich dachte ich: Vielleicht ist genau das der Punkt. Rotenburg ist doch eigentlich auch Teil meines Zuhauses. Nicht nur meine Wohnung. Nicht nur mein Haus, mein Garten, mein Vorgarten oder der liebevoll verteidigte Parkplatz vor der Tür. Auch die Straße, durch die ich fahre. Die Plätze, an denen ich vorbeikomme. Die Gebäude mit ihren Geschichten. Die Menschen, die vertrauten Wege, die kleinen Eigenheiten, über die man sich manchmal aufregt und an denen man vielleicht gerade deshalb hängt. Rotenburg ist nicht nur die Kulisse vor meiner Haustür. Rotenburg ist ein Teil meines Lebensraums. Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Frage: Wie verändert sich unser Blick auf eine Stadt, wenn wir sie nicht nur als Wohnort betrachten? Nicht nur als Veranstaltungsort, Einkaufsort oder Verwaltungsort. Sondern als einen Teil unseres eigenen Zuhauses?

 

Vielleicht reicht es nicht, dass eine Stadt Angebote macht. Vielleicht entsteht Verbundenheit erst dann, wenn wir anfangen, sie innerlich mehr zu uns zu nehmen. So, wie wir es mit unserem Zuhause tun. Vielleicht beginnt Stadtliebe nicht mit einem großen Event, nicht mit einem vollen Marktplatz und auch nicht mit dem perfekten Kulturprogramm. Vielleicht beginnt sie viel leiser. Mit einem Blick aus dem Autofenster. Mit einem kleinen Gedanken, der plötzlich neben einem sitzt. Und mit der Erkenntnis:

 

Diese Stadt gehört zu meinem Leben.

 

Und vielleicht auch ein Stück weit zu mir.

 

Gedanken aus Rotenburg · Erste Veröffentlichung

 

 

Sinn in the City – Wer passt sich hier eigentlich wem an?

Eigentlich wollte ich an diesem Nachmittag nur Theatertexte üben. So zumindest der Plan. Nun muss man wissen: Pläne und Theater haben ungefähr das gleiche Verhältnis zueinander wie ein frisch geputztes Auto und ein Sommerregen. Man gibt sich Mühe und am Ende kommt doch alles anders.

Also saß ich kurze Zeit später am Küchentisch einer unserer Darstellerinnen. Zwischen Textbuch, Kaffeetasse und einem Stapel Notizen. Wir wollten Szenen durchgehen, an Formulierungen feilen und ein bisschen an ihrer Rolle arbeiten. Doch wie das manchmal so ist, wenn Menschen sich Zeit füreinander nehmen: Aus dem Theatergespräch wurde plötzlich ein Lebensgespräch.

Wir redeten über Proben. Über kurzfristige Absagen. Über dieses kleine Wort „zuverlässig“, das wir so schnell benutzen.

Hand aufs Herz …

Wer hat nicht schon einmal gedacht: „Ach Mensch … ein bisschen planbarer wäre schon schön.“ Ich jedenfalls schon.

Und genau deshalb hat mich dieser Nachmittag so nachdenklich gemacht. 

Denn plötzlich erzählte mir das Leben eine Geschichte, die in keinem Theatertext stand. Ich begriff, dass hinter einer Absage manchmal kein Desinteresse steckt. Keine Bequemlichkeit. Nicht einmal eine falsche Priorität. Sondern schlicht eine chronische Erkrankung. Und Krankheiten sind erschreckend schlechte Organisatoren. 

Sie führen keinen Terminkalender.

Sie wissen nicht, dass donnerstags Theaterprobe ist.

Sie fragen auch nicht höflich, ob sie vielleicht nächste Woche wiederkommen dürfen.

Sie sind einfach da.

Während ich zuhörte, merkte ich, wie sich in meinem Kopf etwas veränderte. Nicht die Situation. Sondern mein Blick darauf.

Wie oft glauben wir eigentlich, einen Menschen zu kennen, nur weil wir sein Verhalten sehen? Wie selten kennen wir die Geschichte dahinter?

Auf dem Heimweg musste ich über mich selbst schmunzeln. Ich war losgefahren, um eine Theaterrolle zu erklären. Nach Hause fuhr ich mit einer Lektion über Menschlichkeit.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich …

… warum erwarten wir eigentlich so selbstverständlich, dass sich Menschen flexibel an eine Gemeinschaft anpassen?

Warum stellen wir so selten die umgekehrte Frage?

Wie kann sich eine Gemeinschaft flexibel an den einzelnen Menschen anpassen?

Genau das versuchen wir in unserem Theaterverein. Wenn jemand Hilfe braucht, suchen wir nicht zuerst nach Gründen, warum etwas nicht geht. Wir suchen nach Wegen, wie es trotzdem gehen kann. Dann wird eben eine Rolle geteilt. Eine Probe anders organisiert.

Oder jemand springt ein, wenn das Leben einmal dazwischenfunkt. Nicht, weil wir unsere Ansprüche senken. Sondern weil wir keinen Menschen verlieren möchten.

Denn ganz ehrlich …

Was wäre das für eine Gemeinschaft, in der nur diejenigen willkommen sind, denen das Leben gerade keine Steine in den Weg legt?

Seit diesem Nachmittag begleitet mich ein Gedanke. Vielleicht besteht der wahre Wert einer Gemeinschaft gar nicht darin, dass alle Schritt halten. Vielleicht zeigt er sich genau dann, wenn wir bereit sind, unser eigenes Tempo für jemanden zu verändern.

Eigentlich wollten wir an diesem Nachmittag Theatertexte üben. Am Ende hatten wir etwas viel Wichtigeres geprobt.

Menschlichkeit.